my horror

 Alter: 30 Jahre
Größe: 160cm
Gewicht: 67kg

My little story of Horrors:

Eigentlich war ich schon immer diejenige, die auf der schwergewichtigen Seite des Lebens gestanden hat. Daheim gabs gutbürgerliche Arbeiter-Küche und meine Essgewohnheiten wurde mit der Zeit immer gruseliger.
Viele Hochs und Tiefs hat es da gegeben. Wenn ich so zurück denke, krieg ich den blanke Horror. Erinnerungen an Abende voll gestopft mit Pizza, McDonalds-Fraß, Chips, Schokolade... Ständig nen Lolli im Mund oder nen Bonbon. Essen war okay. Süßigkeiten waren okay.
Und doch war nichts okay. Meine Mutter hat nicht viel von bewusster Ernährung gehalten und konnte sie sich teilweise auch nicht erlauben, da mein Vater derjenige war, der das Zepter in der Hand hatte. Die Frau hatte zu kuschen und sie hatte das zu kochen, was er wollte. Ich als Tochter musste mitziehen, egal bei was. Es hört sich so an, als würde ich meinen Eltern die Schuld geben. Doch so ist es nicht. Es war nur der Anfang, und sozusagen die erste unbewusste Etappe in meinem Albtraum, der mich mein ganzes Leben verfolgte.
"Dicke, fette Kuh!", schrien mir Klassekameraden ins Gesicht. Und ich stand nur stumm da. Sie zogen mir an den Haaren, schlugen mich. "Außenseiter! Verpiss dich!"
Das war in der 5. und 6. Klasse. Ich musste die Schule wechseln. Mein Vater war tot. Wir konnten die Wohnung nicht mehr bezahlen. Weg aus dem Stadtteil. Weg von meinen Freunden. Weg von allem, was meine bisherige Kindheit ausmachte.
Kleinere Wohnung, keine Freunde... Ich wusste nicht wohin mit mir, meiner Verwirrung, meiner Trauer und meinem Frust. Das eiskalte Wasser, in das man mich geschubst hatte raubte mir den Atem. Ich fühlte mich hilflos und verloren. Trost war da das Essen. Ich hab da schon selbst für mich gekocht. Keine kulinarischen Hochgenüsse. Eher ein halbes Kilo Nudeln mit Soße, was ich dann in mich hinein geschaufelt hab. Oder zwei Tiefkühl-Pizzas auf einmal mit Extra-Belag oben drauf. Das war eine Mahlzeit. Ohne nachzudenken Abends vor dem Fernseher ein große Tüte Chips oder Mikrowellen-Popcorn, Schokoriegel oder -tafeln.

Eine erste Änderung ergab sich, als ich ausgezogen bin. Eigene Verantwortung übernehmen, den eigenen Lebensrhythmus bestimmen. Der bestand darin, eine Ausbildung zu machen, sich zu verlieben und den Freundeskreis zu wechseln. Dem alten Leben mal wieder auf Wiedersehen zu sagen.
Zunächst gab es keine Änderung. Nur diese eine, dass ich nun selber den Einkaufswagen durch den Supermarkt geschoben habe und die Süßwarenabteilung leer geräumt habe.
Dann kam die Liebe. Reichlich unverhofft, muss ich sagen. Ich frage mich heute noch, wie ich dieses Arschloch lieben konnte. Mit Schmetterlingen im Bauch isst es sich schlechter. Die Kilos purzelten. Hinzu kam, dass es in der Ausbildung langsam stressig wurde. Unter Stress konnte ich noch nie mit Vernunft essen. Keine Zeit, keine Lust. Es gab Wichtigeres als essen. Nen Löffel Quark und nen Bissen Brötchen reichten da am Tag. Aufwachen, arbeiten, nach Hause kommen, Freund, lernen, schlafen.
Das war mein Tagesablauf.
Ein Jahr lang ging es so. Ich konnte bauchfrei tragen. Damals angesagte Mode...
Dann fiel ich in ein Loch. Meinem Ausbilder haben meine Arbeiten nicht zugesagt, meine Arbeitseinstellung entsprach nicht der der Firma. Ich solle überlegen, ob ich nicht doch aufhören will.
Wieder stand ich mit leeren Händen da, wusste keinen Ausweg. Diesmal keine sinnlosen Fressattacken.
Aspirin 500mg, rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich... Das war mein Ausweg. Früh morgens würgte ich die staubtrockenen Tabletten herunter. Ich begann zu zittern, als ich die erste Packung leer hatte. Weiter machen. Mit ordentlich Wasser nachspülen, dass die ja runter rutschen. Auf der Fahrt zur Arbeit wurde mir speiübel und ich hab sogar noch in mich hinein gegrinst. Das würde meine Rache werden, dachte ich bei mir und musste mir das Gesicht meines Chefs vorstellen, wenn ich ihm in der Firma zusammen klappe und ihm unter den Händen weg sterben. Und ja: Man kann Suizid mit Aspirin begehen, wenn man es schafft, so viele Tabletten auf einmal zu nehmen.
Doch soweit kam es erst gar nicht. Bis zur Frühstückspause hab ichs geschafft. Im Aufenthaltsraum hab ich mich auf einen Stuhl gesetzt und die Wand angestarrt, die mir langsam vor den Augen verschwamm. Mein Herz raste. Ich kann mich noch sehr gut an das Gefühl erinnern. Mir wurde schlecht.
Völlig kopflos bin ich dann an meinen Kollegen vorbei gerannt. Richtung Toilette. Trockenes Würgen. Plötzlich war der Plan nicht mehr so gut. Das schwummerige Gefühl sollte weg gehen. Ich betete, endlich das Bewusstsein zu verlieren. Selbst kotzen ging nicht. Mit Armen und Beinen wie Gummi hockt ich da auf dem Klodeckel und jappste vor mich hin, bis mir die Lichter noch mehr vor den Augen tanzten. Als es besser wurde, raffte ich mich auf und ging wieder arbeiten. Als wäre nichts gewesen.
Mein Plan schlug fehl. Wie ich den restliche Tag zu Ende gebracht hab, weiß ich nicht mehr.

Der Aufhebungsvertrag beendete meine Ausbildung und ich unterschrieb ohne zu zögern. Der Schrecken saß mir immer noch in allen Gliedern und ich wollte nicht mehr in diese Firma zurück. Nicht mehr den Aufenthaltsraum sehen oder das Klo, wo ich halb zusammen gebrochen war.

Mein damaliger Freund hatte mir den Laufpass gegeben, noch bevor die Aspirin-Geschichte dran kam. Ich sei nicht sein Typ, hatte er einem gemeinsamen Freund verraten. Ich wusste, woran es gelegen hatte. Ich war ihm zu fett, zu wenig Titten, zu viel Arsch.
Aus lauter Frust fing ich wieder an zu fressen. Hockte vorm PC, chattete herum und griff gedankenlos in die M&M's-Tüte... Die 10kg, die ich abgenommen hatte, waren wieder drauf. Plus 5 weiteren.
Mein Freundeskreis wechselte ein weiteres Mal. Das letzte Mal, um genau zu sein. Meine Seele wurde schwarz. In einem Kreis, in dem ich mich noch heute bewege. Anders, dunkel, düster, Gothic, EBM, Metal...
Dort hab ich gehofft, ein Stück weit mich selbst zu finden. Letztendlich habe ich das auch. Der Weg war steinig, aber ich bin ihn gegangen. Ich war immer noch, oder schon wieder, fett. Ein rollendes schwarzes Loch, das alles fraß, was nicht fest genagelt war. Mit dem Unterschied, dass niemand mir deswegen Vorwürfe machte oder einen dummen Kommentar abließ. Etwas wohler fühlte ich mich da schon. Auch wenn ich immer noch keinen Job hatte und die meiste Zeit Zuhause verbrachte.
Dann plötzlich kam wieder jemand, der meinte mich zu mögen. Sehr zu mögen. In Hinsicht auf Beziehungen war ich misstrauisch geworden, weil dazwischen sehr einfach nur scheiße gelaufen war. Mit diesem Jemand war es aber anders. Kein Gedrängel von wegen: Lass uns in Bett gehen.
Es war eben anders, bis ich endlich gerafft habe, der mag mich wirklich. So dick wie ich auch war. Eigentlich eine Vorstellung wie im Traum. Dort schwebte ich auch ne Weile, auf Wolke 7. Wieder Schmetterlinge im Bauch - 10 Kilo runter. Bauchfrei war aber nicht drin. Da war noch zu viel übrig geblieben, vom letzten monatenlangem Frust-Fressen.
In all der Zeit habe ich den Blick in den Spiegel weitestgehend gemieden. Es hatte zur Folge, dass ich meinen Körper niemals richtig einschätzen konnte. Sieht die Hose auch gut aus? Ist das nicht ein bisschen knapp oder doch zu weit? Diese Fragen musste mir immer andere beantworten.
Mein Jemand zuckte nur, typisch Mann, mit den Schultern. Wenns nach ihm ginge, wäre ich den ganzen Tag nackt herum gelaufen, weil er sich nicht dran satt sehen kann.
Mit machten die Worte eher Angst, als dass ich sie als Kompliment aufgenommen hab. Sooo viel zum ansehen. Zu viel zum ansehen. Mir lief es immer eiskalt den Rücken runter und ich ignorierte es manchmal wie er mich ansah. Obwohl es positiv gemeint war von ihm.
Die Beziehung mit meinem Jemand war die längste, die ich bis dahin geführt hatte. Weil er mich nie für das kritisiert hat, was ich bin. Außerdem hatte ich selbst vor ihm Geheimnisse. Habe ihm nicht erzählt, wie hässlich ich mich fühle. Nichts ging über den normalen Pegel hinaus. Manches muss auch nicht mit den Menschen geteilt werden, die einem nahe stehen. Auch wenn es immer heißt, man soll ehrlich sein zueinander. Der Jemand ist trotzdem in meinem Leben geblieben. Wir haben eine wunderbare Zeit miteinander verbracht, sind zusammen gezogen. Ich hatte wieder einen Platz an einer Schule, konnte mein Abi machen. Besser zu spät, als gar nicht.
Alles war doch gut. Bis auf die Essgewohnheiten. Die sind geblieben. Er hatte auch nicht die besten. Also gab es da kein Entkommen. Miracoli-Nudeln, Tiefkühlkost... Alles, was schnell und einfach war, kam uns auf den Tisch. Eben mal nen Döner holen gehen und all das. Gesundes Essen war was anderes. Der Kreislauf setzte sich also fort.
Aus beruflichen Gründen stand bald schon wieder ein Umzug bevor. Diesmal ein paar hundert Kilometer weiter weg und raus aus der Heimatstadt, wo alles Bekannte war. Ich als Schülerin hab damals weniger das Problem gesehen, die Schule zu wechseln und da weiter zu machen.
Da hatte meine Mutter schon Krebs. War mehr im Krankenhaus als Zuhause. Die Wochen und Monate waren mehr als wirr und ich lebte wieder in einer Art Wachkoma. Aufwachen, arbeiten, fressen, Sex, schlafen. Zwischendurch machten wir uns Gedanke, was mit meiner Mutter sein würde, wenn wir weggezogen wären. Eine Antwort bekamen wir nicht wirklich.
Wir brauchten sie auch nicht. Im August hab ich sie im Krankenhaus besucht und ihr den ersten Herr der Ringe-Film mitgebracht. Sie sollte ihn sich ansehen. Am Abend haben wir mit ein paar Freunden sorglos verbracht. Lachend, rauchend, Chips verschlingend und mit Cola nachgespült.
Dann kam der Anruf. Meine Mutte war gestorben. Sekunden vergingen, bis ich merkte, dass mit die Luft knapp wurde. Noch nicht einmal Tränen konnte ich in dem Moment vergießen. Bis ich es wirklich realisiert hab, vergingen Tage. Ja, Tage. Apathisch habe ich ihr einen Abschiedskuss auf die kalte Stirn gegeben und habe sie nie wieder gesehen.
Nervös lachend haben wir vor dem Krankenhaus gestanden und geraucht. Meine Freunde waren auch mit dabei, wofür ich ihnen immer noch dankbar bin.
Danach wurde die Last auf meinen Schultern immer größer. Ich hatte alleine für den Nachlass meiner Mutter zu sorgen. All der Papierkram blieb an mir hängen. Essen konnte ich nur, wenn ich nicht gerade auf irgendeinem Amt oder beim Beerdigungsunternehmen hockte. Stattdessen gabs dieses Zwischendurch-Essen. Nen Schokoriegel an der Tanke kaufen und im Auto während der Fahrt in mich hinein schieben. Nen Kaffee am Automaten ziehen. Schnell bei McDonalds vorbei fahren zwischen zwei Terminen. So in etwa.

Als das Grauen endlich vorbei war, zogen wir um. Mein Jemand hat mich gefühlsmäßig ein bisschen aufgefangen. Aber eben nicht alles. Neue Schule, neues Glück, neue Leute... Zum unzähligsten Male. Es war irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Nur das Abi, das wollte ich doch schon ganz. Wieder war Essen weniger etwas, was ich bewusst gemacht habe. Mit dr Ausnahme, dass ich langsam angefangen habe richtig zu kochen. Nicht nur Maggi-Tüte auf und gut. Richtig kochen, meine ich. Besser wars dadurch aber auch nicht, denn manches kam eben immer noch aus der fettigen Pfanne oder dem Backofen, in dicker Soße schwimmend.
Hin und wieder sogar Frühstück bei McDonalds, wenn die Stunden wieder morgens ausfielen. Dort gabs dann gleich nen richtiges Menü mit Burger und allem. Zum Frühstück!!!! Eckelig...
Das Abi rückte näher. Und noch etwas rückte immer näher. Der Geburtstermin von meinem Kind. Ich war schwanger und stand ziemlich alleine da. Nochmal planlos, bitte. Irgendwie war es schön, wir freuten uns aufs Kind. Alles würde irgendwie schon klappen, weil es musste.
Meine Schwangerschaft habe ich wieder als Deckmantel dazu genommen, zu fressen. Eine Tüte Schokobons direkt nach dem Mittagessen, das aus Nudeln oder dergleichen bestand. Süßes, wie Herzhaftes überlebte nicht sehr lange bei mir. Die 100kg-Marke hätte ich geknackt im 9. Monat. Ich hing kurz darunter fest. Mein Arzt warnte mich immer wieder, nicht so schnell so viel zuznehmen. Das wäre nicht gut für mich und fürs Kind. Auf mich hab ich weniger Rücksicht genommen, aber auf mein Kind.
Als meine Kleine auf die Welt kam, hatte ich die wirre Vorstellung, die Kilos würde ich schon wieder verlieren. Die Hebamme versicherte es mir auch ständig. Das wird schon wieder. Nur wurde es nicht. Ich blieb auf 80kg sitzen. Hin und wieder machte sich Frust breit, wenn ich in keinen normalen Laden gehen konnte, um eine Hose zu kaufen. Alles über Größe 44/46 passte mir. Sonst nichts. Shoppen gehen war schrecklich. Viele Gedanken verschwendete ich aber nicht. Meine Kleine war wichtiger. Für sie tat ich alles, was möglich war. Ich blieb zuhause und ging in meiner Mutterrolle auf. Als sie zwei wurde, fiel mir die Decke auf den Kopf. Es musste Arbeit her. Als ungelernte Kraft wollte ich nicht anfangen und entschloss mich, noch einmal eine (schulische) Ausbildung anzufangen. Alles lief wie am Schnürchen, gute Noten, gleich von Anfang an. Privat war alles perfekt. Bis auf meinen Körper, den ich nicht ansehen wollte. Ich trug Kleidung, die vieles versteckte. Lange Pullover und T-Shirts, weite Hosen. Niemals kurze Hosen. Und wenn es noch so heiß war. Ich schämte mich wegen meinen fetten Beinen. Auf dem Spielplatz beneidete ich die Mamas, die nach der Schwangerschaft genauso wie vorher aussahen. Hübsch, dünn, Größe 36... Hach, davor hab ich Größe 34 getragen.
Fuck you! Soll das der Wink mit dem Zaunpfahl sein?!?!
Meine jetzige beste Freundin lernte ich auch damals kennen. Auch eine viel zu schmal gebaute Person. Sie war so unglaublich dünn. Man konnte die Hüftknochen sehen und die Schulterknochen auch. Ich fand sie hübsch. Sie fand sich hässlich. Viel später fand ich heraus, warum sie so von sich redete. Sie war krank. Essstörung - Magersucht und dazu noch Multiple Sklerose. Als sie mir das erzählte, kannten wir uns schon ein paar Jahre. Ich war geschockt darüber. Vor allem, weil man ihr MS nicht ansah und sie sonst eben nur ein sehr dünner Mensch war. Eine von jenen Frauen, die nicht zunahmen, egal, was sie aßen oder machten. Ich habe Fotos von meiner Freundin gesehen, auf denen sie nichts mehr als Haut und Knochen war. Dafür hab ich sie nicht verurteilt. Niemals würde ich das. Sie ist so. Ich akzeptiere sie so wie sie ist und krittele nicht an ihr herum. Genauso wenig wie sie an mir.

Letztes Jahr im Frühjahr begann es schließlich. Den Auslöser dafür kenne ich heute noch nicht. War ich einfach nur neidisch auf meine Freundin, die Größe 34 trug und auf all die anderen Dünnen um mich herum. Ich kann es nicht sagen.
Jedenfalls hatte ich einen besonders stressigen Tag gehabt, war kaum Zuhause und hatte auch unterwegs keine Gelegenheit etwas zu essen. Am Abend kam ich nach Hause und war überrascht auch da noch keinen Hunger gehabt zu haben. Okay, wenn der sich nicht meldet, dann wirds nicht so dringend sein, dachte ich mir. Der nächste Tag verlief weniger wirr, aber immer noch kein Grummeln im Bauch. Ein Woche lang nichts. Zwei Wochen, drei, vier.
von 80 kg ging ich aus heiterem Himmel herunter auf 70. Mir wurde bewusst, dass ich es steuern konnte. Jeden Tag ein Kilo. Ich hungerte weiter, trank und aß nur, wenn ich musste. Mein Kreislauf spielte mit. Alles war okay und ich fühlte mich gut dabei. Im Hochsommer waren es dann nur noch 61kg. An dem Punkt habe ich angefangen zu kämpfen. Ich wolle die 59 sehen. Unbedingt. Es rührte sich nichts mehr auf der Waage. Plötzlich wurde mir Morgens beim Aufstehen schwindelig und ich verbrachte Minuten damit, gegen die Ohnmacht anzukämpfen. Keiner hat es gemerkt.
Schließlich zog ich die Notbremse, fing wieder an zu essen. Wenig und nur langsam, weil es nicht ging. Zeitweise wurde mir schlecht und ich eckelte mich vor so etwas wie einem Apfel. Es dauerte ein paar Wochen, bis ich wieder essen konnte, ohne gleich wieder alles ausspucken zu wollen. Die Portionen wurden größer, bis sie normal groß waren. Dabei verzichtete ich auf Nudeln, Kartoffel, aß nur kalorienarmes Obst und Gemüse, Milch und Joghurt mit geringem Fettanteil, Süßstoff statt Zucker, Wasser anstatt zuckerhaltigen Getränken. Bananen widern mich immer noch an. Weil sie zu viele Kalorien haben und Zucker, der vom Körper gespeichert wird, wenn er nicht sofort verbraucht werden kann.
Tomaten, Salatgurke... Alles, was wenig Kalorien hatte kam auf den Speiseplan. In Rohkost. Nichts gebraten, gebacken oder auch nur gekocht. Mein Gewicht hielt ich. Es wurde nicht weniger. Das war das Problem.Wenn ich alleine war und niemand mich sah, hab ich geheult. Still und leise.
Als ich mich eines Morgens anzog, fiel mir auf, dass ein paar der Nieten von meinem Gürtel lose waren. Ich fummelte herum, bis ich sie ab hatte, weil man sich daran ganz schön verletzen konnte. So geschehen in dem Moment. Ich zog mir einen hauchfeinen Kratzer am Handgelenk zu. Wie benommen nahm ich die Niete. Scharfe Spitzen halten sie eigentlich im Leder. Und fügen der Haut winzige Kratzer zu.
Immer wieder zog ich die Nietenspitze über die Haut am Unterarm. Bis ich fast die ganze Innenseite ot gekratzt hatte. An manchen der Wunden quoll Blut heraus. Nicht viel, denn die Kratzer waren nicht sehr tief. Aber sie taten weh, brannten wie Feuer, als Erinnerung, dass ich mich zusammen reißen soll. Mich beherrschen, kontrollieren soll. Ich habe die Macht über meinen Körper. Nicht anders herum. Nur ich entscheide, was passiert.
Es verging kein Tag, an dem ich die Niete nicht benutzt habe. Mein Unterarm war völlig mit Kratzern übersät. Zum Glück wurde es da schon kalt und ich konnte die Wunden ganz gut verbergen. Niemand sie gesehen. Der Winter, Weihnachten waren schlimm. Ich habe wieder angefangen zu fressen. Kekse, Schokolade, Weihnachtsessen hier, Weihnachtsessen da.
Überall wurde gefressen und ich mittendrin, mit Gabel und Löffell alles in mich hinein schieben. Wie immer hab ich mich schlecht Gefühl, wollte mich kontrollieren und versagte Tag für Tag.
Nach den Feiertagen fand ich die Beherrschung wieder und es blieb bei der Rohkost. Irgendwann, ein paar Monate später im Frühjahr/Sommer, kamen wieder Fressattacken dazu. Drei Tafeln Schokolade auf einmal. Die Tüte Chips hinterher und immer noch nicht satt. Butterkekse im Sekundentakt.
Das Ritzen habe ich dann bleiben lassen. Och hatte ja nun wieder das Essen als Kompensation dafür und die Kontrolle hatte ich da schon längst wieder verloren. Vieles habe ich in dem Moment, als ich es gemacht habe, mit eine Schulternzucken abgetan. Und wenn schon... Ist doch alles gar nicht so schlimm.
Bis ich irgendwann von den 61 Kilo weg war und die Waage gleich wieder 5-6kg mehr angezeigt hat. Das war etwa im August 2011. Da hat es mir nur ein Mindestmaß von Gewissensbissen eingebracht. Dennoch gab es Momente, in denen ich mich tierisch geärgert habe. Wieder kam Frust, Selbsthass und Wut auf. Meine Laune wurde immer schlechter und ich wurde mehr oder weniger aggressiv. Das Glücksgefühl durch Süßigkeiten und Essen blieb schließlich aus und verwandelte sich ins Gegenteil.
Da habe ich ein weiteres Mal einen Schlußstrich darunter gezogen. Ich woollte wieder ein normales Level an Nahrungsaufnahme erreichen. Das war mein größter Wunsch. An 40% der Tage klappte das dann auch. 60% waren unausgeglichen. Morgens eher weniger und spartanisches Frühstück und zum Abend hin wurde es dann immer mehr, mehr, mehr... Bis ich wieder bei den ganzen süßen und fettigen Sachen angekommen war. So lange gefressen, bis mir schlecht wurde. Nur habe ich mich zu jeder Zeit geweigert, mir den Finger in den Hals zu stecken, ganz egal wie übel mir war. Ich konnte im wahrsten Sinne des Wortes sagen, mir stand das Essen bis zum Halse. Ein wenig Besserung erreichte ich durch Abführmittel. Die eliminierten das extreme Völlegefühl so ziemlich. Schließlich wurde ein Missbrauch draus, dem ich bis heute nicht entkomme. Es ist wie eine Sucht mit dem Zeug. Vor allem, wenn ich verhältnismäßig viel gegessen habe. Dann beschleicht mich die Angst, wieder zuzunehmen, und ich schlucke die Kapseln, um nicht in Panik auszubrechen und mich heulend im Bad einzusperren.
Im November 2011 wollte ich nicht mehr so weiter leben. Es war unerträglich und einfach nur widerlich. Ich ekelte mich vor mir selbst, wenn ich die Massen an leeren Verpackungen heimlich im Müll entsorgte und die leeren Blister von den Abführmitteln noch dazu. Alles geschah heimlich. So gut es eben ging. Niemand sollte wirklich davon etwas erfahren. Mein Jemand ahnt sicherlich etwas, aber bisher schweigt er dazu. Damit will ich ihn auch gar nicht belasten und genau da tut es mir immer leid. Es tut weh, zu sehen, wie ich nicht nur mir, sondern auch anderen schade.
Es hält mich trotzdem nicht ab. Ich kann nicht mehr... Kann nicht anders, auch wenn es weh tut.
Vor Weihnachten hatte ich versucht, wieder auf die 61kg zu kommen. Das war das erste Teilziel, was ich erreichen wollte. Geschafft habe ichs nicht. Die Feiertage haben dafür gesorgt, dass ich wieder unmenschlich viel in mich reingestopft habe. Zumal gab es auch teuflisch viele Gelegenheiten. Überall Schokolade, Kuchen und sowieso deftiges Weihnachtessen auf dem Tisch.
Es gab da Nächte, die ich still und leise weinend verbrachte, mit dem Wunsch beseelt, das Fett von meinem Bauch, meine Hintern, den Beinen, an den Armen..., einfach überall wegzuschneiden. Für den Bruchteil von Sekunden dachte ich ernsthaft darüber nach Rasierklingen zu benutzen.
Heute bin ich froh, dass es nicht doch noch dazu gekommen ist. Wieder einmal war ich feige. So feige. Mein Frust darüber hat dazu geführt, dass ich nach dem Weihnachts-/Silvesterurlaub die 70er Marke auf der Waage ein weiteres mal in meinem Leben gesprengt habe.
Derzeit bin ich drauf und dran davon wieder so weit wie möglich wegzukommen. Jeden Tag kämpfe ich also nun mit zwei Stimmen in meinem Kopf, von denen ich nicht sagen kann, wer Teufel und wer Engel ist.
Stimme eins sagt: "Iss es. Du hast noch Hunger. Dein Bauch ist zwar voll aber das kriegst du auch noch runter. Außerdem hast du das noch nie probiert. Also rein damit. Mehr! Ich will mehr! Und wie sieht das denn aus, wenn du die Einziges am Tisch bist, die nichts isst. Voll peinlich! Dann fragen die wieder, was mit dir los ist. Und irgendwann glauben sie dir deine Ausreden auch nicht mehr. Also iss jetzt endlich! Du bist ein schlechtes Vorbild!"
Stimme zwei sagt: "Sieh es dir an. Fettig! Und das da. Das Zucker pur! Vergiss Kohlenhydrate! Die sind nix für dich, wenn du dünn sein willst. Das darfst du dann nicht! Sieh dich im Spiegel an. Überall fettiger Schwabbel, der aus der Hose, dem BH wuillt. Das muss alles weg. Halt dich fern vom Essen. Es ist nicht gut für dich. Die Schokolade brauchst du doch nicht. Du brauchst Kleidergröße 34/36. Dann kannst du alles tragen was du willst und Schwimmbad lachen sie dich nicht aus. Du willst doch sportlich wirken und alles machen, was die dünnen Weiber auch können. Keine Rücken- und Knieschmerzen mehr! Erinnest du dich, wie es damals war. Du warst glücklich. Also friss nicht so viel. Hör auf. Hör auf zu essen. Es ist verboten und du darfst NICHT!!!! Fettes Schwein."

Stand: 18. Januar 2012

Kommentare:

  1. hey... hab mir das hier grad alles durchgelesen. ich weiß auch gar nicht was ich dazu sagen soll, aber es hat mich total berührt.
    und du "führst die feder" wie eine Autorin. Sehr schöner Schreibstil.
    Alles liebe.

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  2. Auch wenn wir schon September haben, muss ich mich traumtat anschließen. Als ich anfing deinen Text zu lesen, war ich irgendwann einfach nur noch mitgerissen.. Einerseits machte es mich traurig, andererseits respektiere ich dich für jedes erneute Aufstehen & Weitermachen. Gib bitte niemals auf an Dich zu glauben!

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  3. ich muss hier auch etwas loswerden, habe einfach mal angefangen zu lesen und weiß auch nicht so recht was ich sagen soll, bin aber total gerührt und war den tränen nahe.
    von mir bekommst du eine riesen portion anerkennung und lob! es ist mehr als bewundernswert wie du jedes mal aufgestanden bist und wieder von neuem angefangen hast. ebenso wie dein Abi nachzumachen, ein kind groß zu ziehen und den alltag zu meistern. ich bin wirklich gerührt, kanns nicht oft genug sagen...
    deine lebensgeschichte ist zwar sehr geprägt in vielerei Hinsicht, aber du hast wirklich stärke und Mut!
    hast du schonmal darüber nachgedacht eine theraphie zu machen? vielleicht würde sie dir dabei helfen einige sachen für dich selbst zu regeln und zu erkennen, auch mit deinem essverhalten.

    ich werde mir jetzt mal deinen gesamten blog durchlesen, interessiert mich wahnsinnig, einen neuen leser hast du dir somit gesichert.

    ich wünsche dir alles liebe und hoffe von herzen du bleibst weiterhin so stark, wirst mit sicherheit aber noch öfter was von mir hören müssen :)

    melli

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  4. Ich kann mich allen Kommentaren anschliessen. Deine Geschichte hat mich sehr berührt & ich find es toll wie du jedesmal wieder aufgestanden bist und gekämpft hast. Gib niemals auf!

    LG,
    Auryn

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  5. Ich habe auch alles durchgelesen.....du hast ganz schön viel durchgemacht. Respekt!!!!!

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